Rigobert Dittmann, Bad Alchemy 24 Oct 2013

Ist da bisher noch niemand drauf gekommen? Ich finde die, wie DIE HOCHSTAPLER ja augenzwinkernd zugeben, auf den ersten Blick etwas hochgestochen wirkende Idee hinter The Braxtornette Project (ub004, 2 x CD) jedenfalls bestechend. Ornette Coleman zu kreuzen und zu vereinen mit Anthony Braxton, ist eigentlich nur die Anwendung des braxtonschen Montageprinzips über sich selbst hinaus. Pierre Borel (as), Lovis Laurain (tp), Antonio Borghini (b) & Hannes Lingens [rsp. Tobias Backhaus] (d) fanden den ge­meinsamen Nenner zuerst einfach mal in ihrer Besetzung, die der gleicht, mit der Or­nette den Jazz von Gestern aufmischte. Das Umlaut-Quartett mixt ‘Peace’, ‘Faces and Places’, ‘Free’ und ‘Change of the Century’ mit ‘Comp. 23’, und ‘Good Old Days’, ‘Euro­pean Echoes’, ‘The Ark’ und ‘The Empty Foxhole’ mit ‘Comp. 40’. Beides Kompositionen, die Braxton 1973/74 mit Kenny Wheeler, Dave Holland & Barry Altschul gespielt hat, also ebenfalls in der gleichen Instrumentierung. Im Part III folgen ‘Ecars, ‘Joy of a Toy’, ‘W.R.U.’ etc. als braxtonifiziertes Potpourri. Die Musik erscheint, nicht zuletzt durch die brillante Darbietung, durch und durch braxtornettesk, schneidig, quick, quirlig über­schießend. Dabei fällt es gar nicht so leicht, genau zu bestimmen, wo Braxt- aufhört und -ornette beginnt. Die Grenzen wirken unscharf, aus Montage wird Fusion, als wäre die Schnittmenge zu hoch. Letztlich ist das aber der hochstaplerische Trick, ihre beiden Helden mit eigener Geistesgegenwart aufzuladen, statt bloß tongetreu zu kopieren. Part IV bringt dann in konsequenter Steigerung im Doppelquartett mit zusätzlich Pierre-An­toine Badaroux (as), Axel Dörner (tp), Joel Grip (b) & Antonin Gerbal (d) eine Verschrän­kung von ‘Free Jazz’ mit ‘Comp. 348’. Das ist eine von Braxtons Ghost Trance Musics (GTM Iridium) aus der Unterklasse ‘Accelerator Whip’, 2007 eingespielt mit einem No­nett, aber auch 2008 in San Sebastian mit einem Septett aufgeführt. Erstaunlich, wie ungezwungen sich Braxtons dezisionistische Stakkatos mit Ornettes organisch-indi­vidualistischer Freisetzung verschränken lassen. Fürs Tempo genügt die Peitsche im Augenwinkel. Das Kecke und Kitzlige des Ganzen entfaltet sich von allein. [BA 79 rbd]

Pin on PinterestShare on TumblrShare on FacebookTweet about this on TwitterShare on Google+